Jeff Strand | 4 x Andrew Mayhem

Der US-amerikanische Autor Jeff Strand hat sich bei mir inzwischen als der ungekrönte König des saukomischen, aber trotz aller Lacher meist ausgesprochen blutrünstigen Horrors etabliert. Stein des Anstoßes für meine immer noch zunehmende Begeisterung war „Graverobbers Wanted (No Experience Necessary)“, der erste Band seiner Geschichten um Andrew Mayhem, seines Zeichens Slacker aus Gewohnheit und Familienmensch aus Leidenschaft.

Zu blöd nur, dass Andrews Nachname Programm ist und er ein Abo auf jegliches Pech und Unbill hat, das man sich nur vorstellen kann. Beste Voraussetzungen also für einen sympathischen Helden wider Willen, mit dem der geneigte Leser mitleiden und -bangen kann, was die Fingernägel hergeben.

Andrews nicht ganz freiwillig angetretene Abenteuer steigern sich von Buch zu Buch in immer absurdere Gefilde, was dem Spaß aber keineswegs schadet. Jeff Strand habe ich während der Lektüre trotzdem in immer kürzeren Abständen den Vogel gezeigt, um mit umso breiterem Grinsen weiterzulesen. Selten lagen entsetztes und vergnügtes Kreischen näher beieinander…

„Sometimes you wake up in the morning and you just know it’s going to be the kind of day where you end up tied to a chair in a filthy garage while a pair of tooth-deprived lunatics torment you with a chainsaw.“

Die Handlungsfäden der einzelnen Bände möchte ich nur kurz anreißen:

In „Graverobbers Wanted“ wird der chronisch knapp bei Kasse seiende Andrew für ein großzügiges Salär angeheuert, einen Sarg mitsamt Inhalt wieder auszubuddeln, um an einen Schlüssel heranzukommen, der sich in eben diesem befinden soll. Keine gute Idee, wie er kurz darauf feststellen muss, bekommt er es doch mit Mord, Totschlag und Goth-Snuff-Filmern zu tun. Und den Freuden des Daseins als junger Vater, der in all dem Chaos auch noch seine kleine Familie jonglieren muss.

Kaum hat er dies alles mit halbwegs heiler Haut überstanden, landet er in „Single White Psychopath Seeks Same“ über einige Umwege, die zu erläutern hier zu lange dauern würde, auf einem Klassentreffen gut organisierter Serienmörder. Und muss sich als Berufskollege der Anwesenden ausgeben, um nicht sofort zur Hauptattraktion der Versammlung erklärt zu werden. Schließlich eilt ihm sein versehentlich erworbener Ruf als zuverlässiger Schurkenbeseitiger auch hier voraus.

Das hat er auch überlebt? Gut. Dann kann er sich ja in „Casket For Sale“ mit Kind, Kegel und einem befreundeten Paar in den wohlverdienten Campingurlaub begeben. Man gönnt sich ja sonst nix. Blöd nur, dass der malerische, ruhige, von der Zivilisation weit abgelegene Flecken Natur das Jagdrevier wirklich komplett durchgeknallter Killer ist, deren Vorstellung eines gemütlichen Grillabends erschreckende Ähnlichkeiten mit Inquisition und Co. hat. Mit einem irren Wissenschaftler auf dem Chefsessel, der als Kind wohl nie mit Lego spielen durfte, und nun das Versäumte nachholt.

„He snatched up the chainsaw and tugged on the cord. The motor roared to life, and I found myself making unheroic, borderline feminine noises as he walked toward me. I continued to struggle against the ropes, suddenly realizing that I could turn my left wrist a little further than before. This information still left me totally screwed, but you’ve gotta appreciate the tiny victories in life.“

Puh. Um mindestens ein Körperteil ärmer, aber ansonsten zuversichtlich in die Zukunft schauend, beschließt Andrew in „Lost Homicidal Maniac“ endlich, sich um eine geregelte Arbeit zu kümmern. Seine Gattin erwartet immerhin Drillinge, da müssen die Ärmel hochgekrempelt werden! Mit seinem besten Kumpel Roger eröffnet er also eine Agentur zur Lösung ungewöhnlicher Probleme. Die erste Klientin ist dann auch prompt das goldene Ticket zur nächsten Katastrophe, möchte sie doch Unterstützung zur Klärung der dringenden Frage, ob sie eine Mörderin ist, oder nicht. Was natürlich nicht gut gehen kann und, wie inzwischen gewohnt, in Gewalt, Wahnsinn und diversen abgetrennten Körperteilen endet.

Wie ich schon ganz oben erwähnte, liegen entsetztes und vergnügtes Kreischen hier wirklich Arsch an Arsch beieinander. Jeff Strand macht keine Gefangenen und kennt keinerlei Hemmungen, lustvoll erzählerische Tabus zu massakrieren. In Kombination mit dunkelschwarzem Humor und punktgenau sitzenden Dialogen kommen dabei Geschichten heraus, die meinem Kopfkino eine absurde Steilvorlage nach der anderen liefern.

Wenn ihr also eine nicht mehr ganz junge Frau mit leicht irrem Grinsen und Kindle in der Hand in der Berliner S- oder U-Bahn seht, dann könnte das durchaus ich sein. Mit dem neuesten Jeff Strand am Wickel ;)

Hier geht’s zu den Goodreads-Seiten der Serie:

  1. Graverobbers Wanted (No Experience Necessary)
  2. Single White Psychopath Seeks Same
  3. Casket For Sale (Only Used Once)
  4. Lost Homicidal Maniac (Answers to „Shirley“)

P.S.: Auf Jeff Strands trefflich benanntem Blog Gleefully Macabre findet sich eine weihnachtliche Kurzgeschichte mit Andrew Mayhem, in der er es mit gleich drei axtschwingenden Santas zu tun bekommt. Nicht ansatzweise so horribel blutig wie die Romane, aber ein ganz guter Einblick in den verpeilten Alltag des Protagonisten: A Bit of Christmas Mayhem

P.P.S.: Und wer einen Kindle-Reader zur Hand hat und Lust verspürt, einen kleinen Happen Vegetarisches des Autors zu verkosten, kann sich aus dem Amazonas eine kostenlose Kurzgeschichte mit Max, der fleischfressenden Laborpflanze angeln: Specimen 313

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