Coraline (USA, 2009)

Lange bin ich um diesen Animationsfilm herumgeschlichen, habe nie die rechte Lust für einen Kauf der Silberscheibe aufbringen können (Kinder als Hauptfiguren lassen meine Begeisterungsfähigkeit sofort drastisch sinken), bis ich nun dank Netflix-Zappen genug Neugier zusammen hatte, um mich an eine Sichtung zu wagen.

Was soll ich sagen – was war ich blöd, so lange zu warten!

coraline-posterDie quirlige Coraline zieht mit ihren Eltern in ein Haus mit exzentrischen Wohnungsnachbarn aus dem Zirkusgewerbe und schiebt reichlich Frust, weil der triste Alltag und Nichtbeachtung ihrer unzähligen Ideen und Wünsche an ihr nagen. Eine kleine Tür in der Wand des Wohnzimmers entpuppt sich als Tor zu einer parallelen Welt, in der ihre „anderen Eltern“ leben, die sie in den Mittelpunkt stellen und in der alles so viel besser, schöner, bunter ist. Und das Abendessen endlich etwas anderes als undefinierbarer Glibber. Bis Coraline feststellen muß, dass das saftig grüne Gras auf der anderen Seite tückischer ist, als gedacht.

Befürchtet hatte ich eine der typisch seifigen Kinderdarstellungen voller abgelutschter Klischees, in der die Kleinen niedlich, clever, herzerweichend und knuffig sind. Bekommen habe ich eine ichbezogene, robuste aber pampige Göre, der ich in der ersten Hälfte des Films mehr als einmal am liebsten Stubenarrest verpasst hätte. Dazu Eltern, die prall aus dem Leben gegriffen sind, mit ihren eigenen Problemchen und Alltagsbewältigung beschäftigt, und weit davon entfernt, ihr ganzes Tun und sein auf ihre Tochter auszurichten. Das gefällt schon mal, damit kann ich mich prima anfreunden.

Coraline pampt
Keiner macht, was ich will!

Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Neil Gaiman (liegt auf meinem SuB plötzlich ganz weit oben), entpuppt sich dieser Film in klassischer Stop-Motion-Technik dann zu meinem grenzenlosen Entzücken nach knapp der Hälfte der Laufzeit als bizarrer Horrorfilm, der sich vor unblutigen Gänsefellverursachern für die „Großen“ nicht zu verstecken braucht. Die ersten Putenpickel wachsen mir beim Anblick der „other mother“, die statt Augen wie eine Puppe angenähte Knöpfe im Gesicht trägt. So wie sämtliche anderen Bewohner dieser anderen Welt, „cute as a button“ und schön schräg creepy.

Aus diesen zarten ersten Pflänzchen des Unwohlseins erwächst dann ein rasantes Horrorabenteuer mit einem Bösewicht der Extraklasse, das auch und gerade in der visuellen Umsetzung alle Punkte abräumt, die es zu holen gibt. In der Masse weichgespülter Kinderfilme, die heutzutage ihrem kurzen Publikum nicht mal mehr zutrauen, Geschichten jenseits eines verknoteten Schnürsenkels traumafrei zu überstehen, ist das eine schöne Überraschung.

Coralines „other mother“. Zu nett, um wahr zu sein.

Hätte ich mich doch bloß vorher daran erinnert, dass Henry Selick auch beim grandiosen Nightmare Before Christmas das Regieheft in der Hand hatte… dann stünde dieser Film längst in meiner Sammlung! Aber besser spät als gar nicht, wie es so schön heißt. Tut ’ner alten Frau auch ganz gut, ab und zu daran erinnert zu werden, dass nichts so zufriedenstellend ist wie ein Urteil anhand eigener Erfahrung.

Zum Abschluß der Trailer, zum Mund wässrig machen:

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10 thoughts on “Coraline (USA, 2009)

  1. Ich habe das Buch vor dem Film gekannt und fand es sogar noch düsterer als den Film. In der Verfilmung gibt es allerdings auch Charaktere, die es im Buch nicht gibt. Jedoch jedes für sich eine Lese-und Guckempfehlung schlecht hin. (Hatte mir seinerzeit die 3D + 2D Version bei Play bestellt…3D mit zweifarbiger Brille – meine Güte ist die Qualität oll. Ich gucke fast nur die 2D)

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    1. Solange ein Film die Buchvorlage nicht ins glatte Gegenteil verkehrt, nehme ich solche Änderungen nicht krumm. Wenn das Ergebnis in sich stimmig ist, habe ich nix zu meckern. Wollte ich eine 1:1 Umsetzung haben, könnte ich doch gleich bei meinem Kopfkino in Donnerdolby Surround und Megaturbopanikcolor mit optimalem Casting und FX jenseits jeden Hollywoodbudgets bleiben ;)

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      1. Es sei auch angemerkt, dass Neil Gaiman selbst zumindest peripher am Drehbuch mitgearbeitet hat und die Änderungen so ziemlich alle seinen Segen erhalten haben. Die größte Änderung, nämlich Wybie (welcher im Buch überhaupt nicht vorkam), hat er „geliebt“.
        Was ich auch sagen muss, ist dass ich die Struktur des Films weitaus ansprechender finde als die des Buches. Ich habe das Buch gelesen nachdem ich den Film gesehen hatte und obwohl ich es weiterhin empfehlen kann, so fand ich es im Vergleich zum Film etwas „rushed“. Im Film wechseln sich die Episoden in der echten Welt und der Anderen Welt ab, was gut dazu beiträgt, einen Kontrast herzustellen. Im Buch passiert alles zuerst in der echten Welt, dann passiert alles in der Anderen Welt und dann kommt das Finale.
        In jedem Fall ein wundervoller Film und ein wundervoller Vertreter der leider immer seltener werdenden Stop-Motion Technik. (und auch unheimlich nervig, dass die meisten Leute es für einen Tim Burton Film halten. Nichts gegen Burton, aber Ehre wem Ehre gebührt)

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        1. Der Irrtum, diesen Film ins Burton-Universum einzureihen, ist imho aber verständlich und nachvollziehbar. Eine starke visuelle Verwandtschaft zu „Nightmare Before Christmas“ ist durchaus vorhanden, und die einzigen anderen ernsthaft populären Stop-Motion-Filme der letzten Jahre sind die vollkommen anders aussehenden Streifen aus den Aardman-Studios.

          Dass Neil Gaiman und Tim Burton beide ähnlich verstrubbelt daherkommende Zausel sind, macht es auch nicht einfacher ;)

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          1. Dass der Film TNBC visuell ähnlich ist, ist klar, liegt aber nicht an Burton. Selick war schließlich der Regisseur in beiden Projekten, während Burton TNBC nur produziert und die Grundlagen für Welt, Story und Charaktere geliefert hat. Da Coraline auch noch groß mit „Vom Regisseur von The Nightmare Before Christmas“ beworben wurde und der volle Titel von TNBC „Tim Burton’s The Nightmare Before Christmas“ lautet, ist es zugegebenermaßen verständlich, den Film erstmal Burton zuzuschreiben (und ich gebe ja auch zu, dass das eher ein „Pet Peeve“ meinerseits ist), aber nur mal auf die Rückseite der DVD/Blu-Ray Verpackung zu schauen, wo die Credits stehen, würde ausreichen, um diesen Fehler nicht zu begehen (zumal Burton genug Bekanntheit hat, dass er, wenn er mitgewirkt hätte, ganz oben stehen würde, und wenn er nur den Kaffee gekocht hätte).
            Am peinlichsten fand ich einen Vorfall, den Gaiman auf seinem Blog beschrieben hatte, in dem er diese „Problematik“ angesprochen hat. Scheinbar hat ein Kritiker eine Rezension zu Coraline verfasst, die er mit einem Überblick über Burton’s Karriere und typische Stilelemente Burton’s eingeleitet hat, um dann aufzuzeigen, warum Coraline ein Paradebeispiel für einen Burton-Film ist. Ich meine, dass Otto Normal-Zuschauer nicht allzu viel über die Leute hinter den Kulissen weiß (und sich vermutlich auch nicht sonderlich darum kümmert) ist verständlich, aber ich bin doch der Meinung, dass wenn jemand sich anmaßt, dass andere seine Meinung über einen Film schätzen werden, dieser Jemand sich zumindest oberflächlich mit so etwas beschäftigt (nochmal: rauszufinden, dass Burton nichts damit zu tun hatte, erfordert keine große Recherche. Gott, es erfordert nicht einmal Recherche. Man muss sich nur die Credits anschauen.)
            Aber ja, wie gesagt: Nur eine kleine Sache, die mir persönlich etwas auf die Nerven geht. Ist nicht so, dass ich Leute, die den Film mit Burton assoziieren, verachte oder so ^^

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            1. Ja gut, wenn man vor dem Verfassen einer Rezension, Begeisterungsorgie oder Schmähschrift nicht in der Lage ist, sich über das zu besprechende Werk zumindest die grundsätzlichsten Informationen zu beschaffen, dann gehört einem der Kopf gewaschen. Wenn es sich um einen Profikritiker handelt, gerne unter Zuhilfenahme eines Betonmischers, damit die Frisur auch schönen Halt hat.

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  2. und ich bemerke bei letterboxd gerade, dass du die einzige bist, die ich kenne, die ORPHAN auch ähnlich gut fand. der war doch zugegebenermaßen besser und unvorhersehbarer als erwartet, oder?

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    1. Halt dich fest: du kennst zwei, die ihn ähnlich gut finden. Ich habe ihn zusammen mit der Rammkatze angeschaut, und die war ebenfalls sehr von diesem fiesen kleinen Film angetan. Erhofft hatten wir einen netten Thriller mit bösem Kind, und waren von dem, was wir serviert bekamen, schön kalt erwischt worden. Viel besser geschrieben und gespielt als erwartet, und endlich mal ein Plot Twist, der den Namen auch verdient hat :D

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  3. okay. Wegen derselben Bedenken habe ich den Film bisher noch nicht gekuckt. Werde ich wohl mal nachholen. Frohes Neues Jahr!
    man liest sich!
    Empfehlung, falls noch nicht bekannt – Edward Rutherfurd (ja, der schreibt sich so) – „London“ hat endlich einen würdigen Nachfolger bekommen. Titel: „Paris“

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