Muskelprotz

The boy rose to his full height and rippled his muscles. Harod couldn’t tell if he was seeing biceps or triceps; they all seemed to flow together like gerbils humping under a tight tarp.

Dan Simmons (Carrion Comfort)

Solche unerwartet über eine Buchseite latschenden Sätze veranlassen mein Kopfkino ganz spontan zu Höchstleistungen. In buntestem Technicolor und Dolby-Donnersound. *gg*

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Postmodern Jukebox ft. Puddles Pity Party | Chandelier

Ich hasse seit meiner Kindheit Clowns, genauer gesagt, ich hasse vor allem die weißen Clowns, die Arschgeigen ihrer Gattung, die mir bei jedem Zirkusbesuch ein bisschen die gute Laune versaut haben, weil sie zu ihren liebenswerteren Kollegen in bunt einfach nur gemein, hinterfotzig und böse waren. Ekliges Volk. Bäh.

Puddles, der „traurige Clown mit der goldenen Stimme“, hat es in den letzten paar Tagen trotzdem geschafft, bei mir einen ganzen Steinbruch im Brett und den Dauereinsatz in Youtube, MP3-Player und Stereoanlage zu erobern. Hat so rein gar nichts Arrogantes anhaften, wirkt trotz geschlagener zwei Meter Größe (ohne Krönchen!) fast schon ein bisschen verloren vor der Kamera – und dann holt er tief Luft und schmettert mit einem sagenhaften Schmelz und Volumen in der Stimme ins Mikrofon, dass mir beim ersten Hören vor Vergnügen die Ohren geflattert haben.

Ich bin schlicht hin und weg, wie die Retrotruppe Postmodern Jukebox mit dieser charmant schrägen Gestalt als Gastsänger selbst aus einem im Original furchtbaren Song das verborgene Juwel im Kern herausschälen kann. Wo Sia zu billiger Elektronik bemüht edgy qietscht, kräht und schreit (und an meinen Trommelfellen und Nerven kratzt), wird hier das ganz große Pathos ausgepackt und die Alkoholikerballade trotzdem kitschfrei auf dramatischen Hochglanz poliert.

Ich fürchte, das kommende Weihnachtswochenende werde ich mit ausgiebigen Exkursionen in den Backkatalog der Jukebox und dem traurigen Clown verbringen. Ich freu mich drauf :)

Nostalgieflash #2

Und wieder ist mir so nostalgisch zumute, nachdem ich in alten Fotos gekramt habe. Und was hab ich diesmal gefunden? Weihnachten bei Hoppenstedts äh bei Cosgroves, irgendwann in den ganz frühen Siebzigern des letzten Jahrtausends!

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Die Kleine mit dem Michael Myers-Gedenkblick bin ich, die Große daneben, die so guckt als ob sie gerade noch schnell die Überreste des Weihnachtsmanns im Garten verscharrt hat, ist meine Schwester. Aus der Karriere als Serienkiller wurde dann aber für uns beide nix, auch wenn die erzwungenen Outfits sicherlich bei jedem Psychologen und Richter als Grund für mildernde Umstände durchgegangen wären.

Und es stimmt: früher war eindeutig mehr Lametta – vor allem, da ich selber nie und nimmer auf die Idee käme, mir so ein harzendes, nadelndes Ungetüm ins Wohnzimmer zu stellen. Da hat auch meine Katze kein Mitspracherecht.

ausgelesen: September 2016

Um wenigstens den Anschein von Aktivität auf diesem Blog zu erwecken, werde ich versuchen, meine monatliche Leseausbeute in einem handlichen Beitrag zusammenzufassen. Mit ein bisschen Schweinehund treten und Gassi führen halte ich das vielleicht sogar durch. Wünscht mir Glück.

Ach ja, die Übersetzung der Sternchenwerferei muss da irgendwo rechts in der Sidebar stecken ➽

  1. Robert Sheckley | Can You Feel Anything When I Do This? (1971)
    Eine der vielen Kurzgeschichtensammlungen des Meisters der SciFi mit spitzer Feder, wie (fast) immer ein Hochgenuss und alle zu werfenden Sterne wert, die man in Griffweite findet.
  2. Ben Schott | Schottenfreude: German Words for the Human Condition (2013)
    Eine tiefe Verbeugung vor der deutschen Sprache und ihrer Eignung als verbale Legoschatztruhe, mit deren Bausteinen man wirklich für alles und jedes eine passende Bezeichnung zusammenbasteln kann. Leider ergeben viele Wortschöpfungen Schotts keinen nachvollziehbaren Sinn, manche existieren bereits und bedeuten etwas z.T. vollkommen anderes als das, was der Autor ihnen zugedacht hat. Ein nettes Büchlein zum Durchblättern und Schmunzeln, dafür immer noch:
    ★★★☆☆
  3. Adam Millard | Larry (2014)
    Was machen eigentlich Serienkiller, wenn sie sich rechtzeitig zur Ruhe setzen und unbeschadet in’s Rentenalter kommen? Ganz einfach: irgendwann wird das Leben im Ruhestand doch zu langweilig, Axt, Metzgerschürze und Maske liebevoll entstaubt, und wieder zum Halali auf kreischende Teenies im einsamen Feriencamp im Wald geblasen. Was sich dann auch recht flott und witzig liest, auch wenn besonders die Dialoge etwas zu oft an ihrer arg gewollten Lässigkeit scheitern. Macht aber trotzdem Spaß, drum auch hier:
    ★★★☆☆
  4. Matthew Vaughn | The ADHD Vampire (2015)
    Das Bizarro-Genre ist mir in den letzten paar Jahren sehr ans Herz gewachsen, ich entdecke dort immer wieder Autoren, die mit ihrer sehr eigenen, speziellen Handschrift echte Perlen anbieten, die deutlich mehr können als nur abgedreht und „anders“ zu sein. Und dann gibt es die Autoren, die außer einer ekelzentrierten Fantasie nicht viel am Start haben, nicht einmal einen Schreibstil, der über Schüleraufsatzniveau hinauskommt. Was die Goodreads-User daran so toll finden, entzieht sich komplett meinem Verständnis, ich kann meine Lesezeit besser verbringen.
    Setzen, ★☆☆☆☆
  5. Pat Murphy | The City, Not Long After (1989)
    Eine geradezu poetische Endzeitvision, die überwiegend in San Francisco nach der großen, weltweiten Seuche spielt. In dieser Stadt haben sich die Künstler, Tagträumer und Visionäre einen Ort erschaffen, der ein recht friedliches, unabhängiges Leben ermöglicht. Was natürlich nicht von Dauer sein darf, gibt es im Umland doch immer noch genug Betonköpfe alter Schule, die lieber brennen sehen, was sich ihren Vorstellungen widersetzt, als einfach weiter zu ziehen. Die Endzeithippies wissen sich allerdings auf ihre Art zu wehren, und die entspricht nicht dem, was die Invasoren erwarten. Ich dagegen freue mich über eine Apocalypse, die sich nicht in endlosen Beschreibungen der Seuche ergeht, sondern das Augenmerk voll und ganz auf das Danach richtet. Stellenweise märchenhaft, durchaus plüschig, und sehr sympathisch. Und die bessere Katniss heißt Jax. Ha! :)
    ★★★★☆
  6. Stephen Laws | Spectre (1987)
    Ich mag die Geschichten dieses vollkommen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Autors, für mich ist er einer der Geheimtips des typischen 80s-Horrors, der meist frei vom heute üblichen Romanzendreck seine fiesen Ideen (abseits von ausgelutschten Vampiren und Zombies) ins schwarze Ziel getragen hat. Aber ausgerechnet diese Story um die bösartigen Geister der Vergangenheit ist mir zu sehr klischeebehaftetes Zehn kleine Negerlein, dazu viel zu vorhersehbar. Die wunderbar creepy Atmosphäre und der effektive Einsatz erprobter Stilelemente des Genres hat es dann trotzdem unterhaltsam sein lassen. Ein bisschen wie die alten Hammer-Filme, die ja auch Spaß machen, ohne groß Anspruch zu haben ;)
    ★★★☆☆